Weserkurier vom 02.05.2008
Abrissbagger zerstören letzte Hoffnung
Einige Stunden vor einem klärenden Gespräch zwischen Circusschule und Investor wurde die Aula abgerissen
NEUSTADT. Einige Stunden bevor sich Peter Sakuth, Geschäftsführer von „Gebrüder Rausch Wohnbau“, mit Vertretern der Circusschule Jokes treffen wollte, um über das Grundstück Gottfried-Menken-Straße zu reden, rollten die Abrissbagger an. Der Aula ging es gleich zu Anfang an den Kragen. Damit ist klar: Für die Circusschule gibt es dort keine Zukunft.
Dietmar Hatesuer, Geschäftsführer der Circusschule, hatte bis zuletzt gehofft, die Aula auf dem bereits an Gebrüder Rausch verkauften Grundstück für seinen Verein retten zu können. Doch die Abrissbagger, die am Dienstagvormittag anrückten, machten diese Hoffnung zunichte. Und das ausgerechnet einige Stunden vor dem Gespräch, das aus Sicht der Circusschule so wichtig gewesen wäre. „Ich empfinde diesen Umgang sehr verletzend und abscheulich“, so Hatesuer in einem offenen Brief an die Baufirma. Das Unternehmen Gebrüder Rausch habe auf sehr erschreckende Weise seine politische und unternehmerische Macht demonstriert, so Hatesuer.
Geschäftsführer Dieter Rausch kann die Aufregung nicht verstehen. Sein Unternehmen habe von vornherein klargestellt, dass es nicht vertragsbrüchig werden würde. Es sei immer klar gewesen, dass alle Gebäude abgerissen werden, um auf der gesamten Fläche Reihenhäuser zu bauen. In dem Briefwechsel mit Jokes sei nie die Rede davon gewesen, mit der Circusschule „in Verhandlung zu treten“ oder ähnliches. Vermutlich habe sich die Circusschule da wohl falsche Hoffnungen gemacht.
Rausch meint, es sei einfach zu spät gewesen, das Blatt noch zu wenden. Die Entscheidung, das Grundstück komplett zu veräußern, sei von den zuständigen Behörden vor drei Jahren getroffen worden. Wenn überhaupt, dann hätte das Konzept damals überdacht werden müssen, findet der Geschäftsführer.
Noch am vergangenen Donnerstag hatte sich auch der Beirat mit dem Grundstück Gottfried-Menken-Straße beschäftigt Obwohl letztlich ein Beschluss verabschiedet wurde, der sich dafür aussprach, Aula und Turnhalle für den Stadtteil zu erhalten, war schnell deutlich geworden, dass der Rückhalt für diesen Plan im Beirat bröckelte.
Die SPD begründete ihren Beschlussvorschlag, die Gebäude zu erhalten, mit einer Vergleichsrechnung. Sie habe gezeigt, dass ein Kompromiss zwischen dem Investor und den Sportvereinen, die Aula und Turnhalle als Trainingsstätten nutzen wollen, tragbar wäre. Die Wirtschaftlichkeit dieses Kompromissmodells zweifelten CDU, FDP und Grüne an. Die Berechnung stützte sich nach Meinung der Grünen auf willkürlich gegriffene Zahlen und Behauptungen - zum Beispiel seien erhebliche langfristige Kosten für die Stadt und für den Erhalt der Gebäude nicht berücksichtigt worden.
Darüber hinaus mache es keinen Sinn, die Augen vor den Realitäten zu verschließen, sagte Torsten Dähn, Fraktionssprecher der Grünen. Diese Reaktion löste bei vielen Zuhörern Verwirrung aus, hatten die Grünen sich bisher doch immer für den Erhalt der Aula und der Turnhalle stark gemacht. Er sei „empört“ über den Sinneswandel der Grünen, sagte Dietmar Hatesuer.
Janne Müller (Grüne) wollte zu der als Vorwurf empfundenen Aussage Hatesuers Stellung nehmen. Doch der Beirat beschloss mehrheitlich, die Diskussion zum Thema abzubrechen, da es bereits kurz vor 22 Uhr war und noch ein Beschluss erfolgen musste. Müller regte sich darüber auf und sagte, solch ein Vorgehen sei „undemokratisch“. Letztlich sprachen sich SPD und die Linke mit knapper Mehrheit für den SPD-Beschlussvorschlag aus, die Gebäude zu erhalten - schon vier Tage später war dieser Beschluss Makulatur, die Bagger hatten Tatsachen geschaffen.
Während der Beiratssitzung wählte das Kommunalparlament außerdem Anna Möller als neues Mitglied in die Seniorenvertretung der Stadt Bremen. Anna Möller ist 68 Jahre alt.
Siehe auch
- taz Bremen vom 04.05.2008: Frust im Schwellen-Stadtteil






